Freitag, 24. Oktober 2008

Ein Hoch auf Couchsurfing!

Nachdem ich jetzt schon von mehreren Seiten gehört habe, dass meine Einträge in letzter Zeit ein wenig zu rar werden, wird es heute mal wieder Zeit, euch auf den neusten Stand zu bringen:

Tja, zur Zeit befinde ich mich in Krakau zum Treffen der Osteuropastipendiaten der Stusti.
Mein erstes Mal in Polen.. und ich muss sagen, ich bin wirklch begeistert von der Stadt und den Menschen. So sehr, dass ich einen Moment lang überlegt habe, ob dass nicht vielleicht auch ein cooles Austauschjahr gewesen wäre, zumal es hier sogar eine gute Uni MIT englischen Kursen gibt :).
Das Osteuropa-Treffen fängt eigentlich erst heute an, aber weil natürlich Freitags keine Busse von Budapest nach Krakau fahren, bin ich schon seit Mittwoch in der Stadt (weil ich einfach nicht die Motivation hatte, 20 Stunden in einem ruckeligen, alten "Schnellzug" zu sitzen). Also hieß es Mittwoch morgen um viertel vor fünf aufstehen und auf in den Bus in Richtung Polen. Für 15 Euro (!!!) und nach 8 Stunden Fahrzeit war ich dann endlich da.. und mir wurde klar, dass eine gewisse Organisation von so einem Trip vielleicht gar nicht mal so schlecht ist. Ich glaub ich war wirklich selten so schlecht informiert. Ich hatte keine Ahnung, wo ich angekommen war, wieviel Zloty man für einen Euro bekommt und ob meine Couchsurfinggelegenheit wirklich wusste, dass ich am Mittwoch kommen würde. Jaja, Flo, ich weiß wie sehr die gerade ein Kommentar auf den Lippen brennt, aber... es hat alles super geklappt. Weil mir nix anderes übrig blieb, bin ich einfach mal losgelaufen, der weiblichen Intuition folgend (und dem Großteil der Leute) und war ziemlich schnell in der Innenstadt. Dann stellte sich heraus, dass ich tatsächlich eine Couch für die nächsten zwei Nächte haben würde und die Sache mit dem Zloty habe ich schließlich auch noch herausbekommen (3,65 !). So wurde ich dann um 6 Uhr abends von Kamila und ihrem Freund von Mihal abgeholt und in ihre süße kleine Wohnung im 10. Stock eines von außen ziemlich hässlichen Hochhauses geführt. Wow, ich kann echt nur sagen: Ich LIEBE couchsurfing. Mein Erlebnis in Korsika war schon so positiv gewesen und ich konnte mir vorher kaum vorstellen, dass es überhaupt möglich sein könnte wieder so nett und freundlich aufgenommen zu werden.. aber es war mindestens genauso cool! Kamila ist eine der reisefreudigsten Personen, die ich je kennengelernt habe und hat so ziemlich alles in Europa bereist, was man bereisen kann. Ach, das hat so richtig die Reiselust in mir geweckt. Besonders gerade weil es gerade nicht die Standardziele sind, die sie besucht, die letzte Reise von Kamila und Mihal war zum Beispiel Mountainbiken in Estland. Ihr nächster Plan ist der Update des Lonely Planets über Polen!
Mit den beiden wohnen ihre zwei genauso offenenen und freundlichen Mitbewohner Marianna und Sylvia, die zufälligerweise beide auch noch super Deutsch sprechen. Dann hat sich auch noch rausgestellt, dass Marianna genauso ein Nachtschwärmer ist wie ich und wir haben die letzten beiden Nächte bis morgens um 2 über Gott und die Welt, unsere Auslandserlebnisse und alles mögliche gequatscht. Kurzum: Wer von euch Couchsurfing noch nicht ausprobiert hat: LOS, es ist so lohnenswert! (-> www.couchsurfing.com)

Die Stadt hat den 2. Weltkrieg ziemlich gut überstanden und so besteht die Altstadt hauptsächlich aus schönen, alten Gebäuden, die ausnahmslos in tadellosem Zustand sind. Anscheinend sind es nur die Deutschen (oder ich), die keine Ahnung haben/hatten, wie sehr sich eine Reise hierher lohnt, denn die Stadt ist regelrecht überlaufen von Amerikanern, Australiern, Franzosen, Russen und und und.. Man fühlt sich fast wie in der Münchner Innenstadt, wo man mehr Fremdsprachen aus aller Welt als die Landessprache hört.
Natürlich gehört zu einem Besuch Krakaus auch der Besuch von Auschwitz-Birkenau. Wahrscheinlich haben die meisten von euch schon einmal ein Konzentrationslager besucht, aber die Dimensionen dieses Lagers sind kaum vorstellbar, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Während Auschwitz I auf ehemaligen Gelände der polnischen Armee entstand und mit ungefähr 30 Gebäuden noch relativ überschaubar war, wurde Auschwitz-Birkenau 1942 ausschließlich für die Vernichtung konzipiert. Das Gelände war mit über 300 Gebäuden, von denen heute weniger als 50 erhalten sind, unvorstellbar riesig. Den Abschluss meiner circa dreieinhalbstündigen Führung bildete das Betreten einer der "Häuser", in denen die Frauen untergebracht worden waren - Steinbaracke wäre wohl ein treffenderes Wort. Das war der Moment, wo man am ehesten nachvollziehen konnte, wie unvorstellbar schrecklich das Leben im Lager gewesen sein musste. Es gab weder Licht noch Heizung und mehr als 100 Frauen, manchmal sogar doppelt so viele, waren in einer der kleinen Baracken untergebracht. "Geschlafen" wurde in kleinen Holznischen, 6 oder mehr Frauen auf einer Unterlage, die kaum mehr als 1,30 breit war. Ich glaube, ich kann das Ganze kaum so beschreiben, dass man sich nur annähernd vorstellen kann, welches Gefühl man hat, nachdem man das Lager wieder verlassen, den Stacheldraht und die Beklemmung hinter sich lassen kann. Ich hatte das erste Mal in einem Leben das Gefühl ansatzweise begreifen zu können, welche unbeschreiblichen Dinge damals vor sich gegangen sind. Es war ein schrecklicher Besuch, aber ich bin froh, dass ich es mir angeschaut habe und ich kann nur jedem empfehlen, das auch zu tun, wenn er in der Nähe von Krakau ist.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Eine Woche Schwesternpower


Hey ihr Lieben,

tut mir Leid, dass ihr so lange auf mich verzichten musstet :)
Letzte Woche war meine Schwester Sophie zu Besuch und natürlich verlangte das meine gesamte Aufmerksamkeit! Eine Woche Sightseeing und die Stadt unsicher machen - ich muss sagen, das Sprichwort, dass man seine Stadt erst wirklich kennen lernt, wenn man Besuch hat, hat sich mal wieder als wahr herausgestellt. Nicht nur, dass ich jetzt sämtliche Bars und Restaurants kenne, wir haben zusätzlich so viele Sehenswürdigkeiten abgeklappert wie nur möglich: wir waren am Parlament, auf der Burg, auf der Marghareteninsel (margitsziget) mitten auf der Donau (Duna) (siehe Foto), in den Ausstellung World Press Photo und Körperwelten (Bodies kiállítás) (ja genau, von dem verrückten Kerl, der Menschen präpariert und dann in Scheiben geschnitten ausstellt) und und und.. Und natürlich haben wir ausgenutzt, dass die Hälfte der Filme hier im Kino nicht synchronisiert in Originalsprache ausgestrahlt werden. Ja, was für ein Glück, dass zur Zeit auch die Welle hier läuft. Ich hab natürlich die ganze Zeit versucht, das Deutsche auszublenden und nur die ungarische Untertitel zu lesen, aber nachdem ich dann irgenwann festgestellt habe, dass ich sowieso alles verstehe, hab ich mich dann doch lieber auf die Originalsprache konzentriert, damit ich nicht so ganz das Deutsche verlerne :P
Nein, im Ernst, mit meinem Ungarisch geht es so quälend langsam vorwärts. Obwohl ich jeden Tag gefühlte 1000 neue Worte lerne, ist es so frustrierend. Sobald ich meine Wohnung verlasse und auch nur versuche die Werbung um mich herum zu verstehen, zeigt sich wie langsam ich nur voran komme, geschweige denn, dass ich irgendwas von dem verstehe, was die Leute um mich herum erzählen. Ich freue mich schon jedes Mal, wenn ich im MacDonalds auf Ungarisch (magyarul) bestellen kann. Ja, na klar, ich bin gerade einen Monat hier. Jeder von euch wird wahrscheinlich sagen: Hey, kein Stress, dafür dass du überhaupt nichts konntest, als du angekommen bist, hast du doch schon was erreicht und so schnell kann man nun keine Sprache lernen. Ihr habt Recht, rein objektiv betrachtet... aber ich kann das trotzdem nicht akzeptieren :) Deswegen greife ich jetzt zu radikalen Mitteln. Wenn meine Mitbewohner heute abend von ihren Wochenenden zuhause (außerhalb von Budapest) zurückkommen, werde ich ihnen eröffnen, dass ab morgen unsere einzige Konversationssprache Ungarisch sein wird. Krisztina spricht so perfekt Deutsch und Tamás so gutes Englisch, dass das einfach zu leicht war die letzten Wochen. Deswegen müssen wir glaub ich echt zu radikaleren Maßnahmen greifen, sonst kann ich in einem Jahr genauso wenig wie heute!
Aber zurück zu Sophies Besuch. Die ist seit Samstag wieder in Deutschland und obwohl wir echt die ganze Zeit zusammen waren, war es echt eine coole Woche. Das komische war, dass ich die Stadt auf einmal wie ein Tourist erlebt habe und die Stadt plötzlich wieder mit ganz anderen Augen gesehen habe. Und jetzt, wo sie wieder im Sauerland ist, ist es wieder ganz anders, fast so, als würde mein Auslandsjahr nächste Woche noch einmal von vorne losgehen. Ganz komisch irgendwie. Vielleicht liegt das aber auch einfach daran, dass ich jetzt endlich anfange meine Freizeit zu organisieren (jaja, Sina, enthalte dich deines Kommentars ;) ). Ich hoffe, dass das klappt, dass ich ab nächste Woche Wasserball spiele und ich muss mich langsam auch mal an das Projekt für die Studienstiftung begeben, auch wenn ich da noch nicht so wirklich eine Ahnung hab, was ich machen soll, mal schauen. Auf jeden Fall hab ich festgestellt, dass ich mit dem, was ich mir in den letzten zwei Jahren so sehnlichst gewünscht habe, gar nicht klar komme : freier Zeit. Deswegen werde ich das jetzt in Angriff nehmen!

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Graphtheorie

Neinnein, fangt erst mal an zu lesen, ich werd bestimmt jetzt keine mathematischen Abhandlungen schreiben! Ich wollte eigentlich vielmehr nur über meinen absolut grausamen Tag gestern erzählen.
Das Ganze hat natürlich mit meinem Stundenplan zu tun. Wie ich ja schon erzählt habe, hatte ich bei der Wahl meiner Vorlesungen eigentlich nur die Wahl zwischen "Nicht-Verstehen-Wegen-Ungarisch" und "Nicht-Verstehen-Wegen-Unterrichtslevel". Ich hab mich ja dann für zweiteres entschieden und höre nun also "Graphtheorie" mit lauter 8. und 9. Semestlern, die schon total die Ahnung haben. Ich glaub ich könnte da wohl ganz gut mit leben, zumal die Noten in Deutschland eh nicht anerkannt werden, aber mein Prof ist da anscheinend anderer Ansicht und hat sich vorgenommen mich zu adoptieren und in Graphtheorie aufzuziehen. Gestern war dann unser erstes/-r Einzelgespräch/-unterricht/-treffen angesetzt für 12 Uhr... Ich war froh als ich um 3 endlich wieder draußen war. Okay, froh ist wohl die Untertreibung schlechthin.. Schweißflecken unter den Armen, kaltgeschwitzte Stirn und zitternde Hände.. es war einfach grauenhaft und erniedrigend. Irgendwie schien ihn das nicht wirklich zu interessieren, als ich versucht hab ihm klar zu machen, dass ich keinerlei Basiswissen hab. "So, Lea, what do you know about Hamiltonian circles" - "nothing" - " oh okay, let me explain it to you... and Tutte's theorem.. oh and Hall's theorem.. or wait.. why don't you explain it to me" "but i don't.." "nono, it's okay, don't be shy, you don't have to get nervous, we'll work this out togeher.. or you do it" Und dann ging die Erniedrigung erst richtig los. Es war einfach GRAUENHAFT, weil er mich auch einfach nicht gehen lassen wollte, obwohl es so eindeutig war, dass ich einfach gar keine Ahnung hatte. Nach drei Stunden guckte er mich dann (endlich!!) mit traurigem Blick an und meinte: "okay, you can go now.. next week same time?"