Nachdem ich jetzt schon von mehreren Seiten gehört habe, dass meine Einträge in letzter Zeit ein wenig zu rar werden, wird es heute mal wieder Zeit, euch auf den neusten Stand zu bringen:
Tja, zur Zeit befinde ich mich in Krakau zum Treffen der Osteuropastipendiaten der Stusti.
Mein erstes Mal in Polen.. und ich muss sagen, ich bin wirklch begeistert von der Stadt und den Menschen. So sehr, dass ich einen Moment lang überlegt habe, ob dass nicht vielleicht auch ein cooles Austauschjahr gewesen wäre, zumal es hier sogar eine gute Uni MIT englischen Kursen gibt :).
Das Osteuropa-Treffen fängt eigentlich erst heute an, aber weil natürlich Freitags keine Busse von Budapest nach Krakau fahren, bin ich schon seit Mittwoch in der Stadt (weil ich einfach nicht die Motivation hatte, 20 Stunden in einem ruckeligen, alten "Schnellzug" zu sitzen). Also hieß es Mittwoch morgen um viertel vor fünf aufstehen und auf in den Bus in Richtung Polen. Für 15 Euro (!!!) und nach 8 Stunden Fahrzeit war ich dann endlich da.. und mir wurde klar, dass eine gewisse Organisation von so einem Trip vielleicht gar nicht mal so schlecht ist. Ich glaub ich war wirklich selten so schlecht informiert. Ich hatte keine Ahnung, wo ich angekommen war, wieviel Zloty man für einen Euro bekommt und ob meine Couchsurfinggelegenheit wirklich wusste, dass ich am Mittwoch kommen würde. Jaja, Flo, ich weiß wie sehr die gerade ein Kommentar auf den Lippen brennt, aber... es hat alles super geklappt. Weil mir nix anderes übrig blieb, bin ich einfach mal losgelaufen, der weiblichen Intuition folgend (und dem Großteil der Leute) und war ziemlich schnell in der Innenstadt. Dann stellte sich heraus, dass ich tatsächlich eine Couch für die nächsten zwei Nächte haben würde und die Sache mit dem Zloty habe ich schließlich auch noch herausbekommen (3,65 !). So wurde ich dann um 6 Uhr abends von Kamila und ihrem Freund von Mihal abgeholt und in ihre süße kleine Wohnung im 10. Stock eines von außen ziemlich hässlichen Hochhauses geführt. Wow, ich kann echt nur sagen: Ich LIEBE couchsurfing. Mein Erlebnis in Korsika war schon so positiv gewesen und ich konnte mir vorher kaum vorstellen, dass es überhaupt möglich sein könnte wieder so nett und freundlich aufgenommen zu werden.. aber es war mindestens genauso cool! Kamila ist eine der reisefreudigsten Personen, die ich je kennengelernt habe und hat so ziemlich alles in Europa bereist, was man bereisen kann. Ach, das hat so richtig die Reiselust in mir geweckt. Besonders gerade weil es gerade nicht die Standardziele sind, die sie besucht, die letzte Reise von Kamila und Mihal war zum Beispiel Mountainbiken in Estland. Ihr nächster Plan ist der Update des Lonely Planets über Polen!
Mit den beiden wohnen ihre zwei genauso offenenen und freundlichen Mitbewohner Marianna und Sylvia, die zufälligerweise beide auch noch super Deutsch sprechen. Dann hat sich auch noch rausgestellt, dass Marianna genauso ein Nachtschwärmer ist wie ich und wir haben die letzten beiden Nächte bis morgens um 2 über Gott und die Welt, unsere Auslandserlebnisse und alles mögliche gequatscht. Kurzum: Wer von euch Couchsurfing noch nicht ausprobiert hat: LOS, es ist so lohnenswert! (-> www.couchsurfing.com)
Die Stadt hat den 2. Weltkrieg ziemlich gut überstanden und so besteht die Altstadt hauptsächlich aus schönen, alten Gebäuden, die ausnahmslos in tadellosem Zustand sind. Anscheinend sind es nur die Deutschen (oder ich), die keine Ahnung haben/hatten, wie sehr sich eine Reise hierher lohnt, denn die Stadt ist regelrecht überlaufen von Amerikanern, Australiern, Franzosen, Russen und und und.. Man fühlt sich fast wie in der Münchner Innenstadt, wo man mehr Fremdsprachen aus aller Welt als die Landessprache hört.
Natürlich gehört zu einem Besuch Krakaus auch der Besuch von Auschwitz-Birkenau. Wahrscheinlich haben die meisten von euch schon einmal ein Konzentrationslager besucht, aber die Dimensionen dieses Lagers sind kaum vorstellbar, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Während Auschwitz I auf ehemaligen Gelände der polnischen Armee entstand und mit ungefähr 30 Gebäuden noch relativ überschaubar war, wurde Auschwitz-Birkenau 1942 ausschließlich für die Vernichtung konzipiert. Das Gelände war mit über 300 Gebäuden, von denen heute weniger als 50 erhalten sind, unvorstellbar riesig. Den Abschluss meiner circa dreieinhalbstündigen Führung bildete das Betreten einer der "Häuser", in denen die Frauen untergebracht worden waren - Steinbaracke wäre wohl ein treffenderes Wort. Das war der Moment, wo man am ehesten nachvollziehen konnte, wie unvorstellbar schrecklich das Leben im Lager gewesen sein musste. Es gab weder Licht noch Heizung und mehr als 100 Frauen, manchmal sogar doppelt so viele, waren in einer der kleinen Baracken untergebracht. "Geschlafen" wurde in kleinen Holznischen, 6 oder mehr Frauen auf einer Unterlage, die kaum mehr als 1,30 breit war. Ich glaube, ich kann das Ganze kaum so beschreiben, dass man sich nur annähernd vorstellen kann, welches Gefühl man hat, nachdem man das Lager wieder verlassen, den Stacheldraht und die Beklemmung hinter sich lassen kann. Ich hatte das erste Mal in einem Leben das Gefühl ansatzweise begreifen zu können, welche unbeschreiblichen Dinge damals vor sich gegangen sind. Es war ein schrecklicher Besuch, aber ich bin froh, dass ich es mir angeschaut habe und ich kann nur jedem empfehlen, das auch zu tun, wenn er in der Nähe von Krakau ist.
A New Year
vor 15 Jahren
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